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Peschkes Points of Interest

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Alessandra Dragoni, „Terrace, Ravenna“, 2019

 

 

Blick auf den Foto Frühling 2026

 

 

Im SCHAUWERK Sindelfingen ist die Ausstellung „No Place like Home. Italienische Fotografie seit den 1980er Jahren“ zu erleben (bis 26. Juli 2026). Es ist eine Schau über ein Land, das in den Debatten um aktuelle Fotokunst selten eine Rolle spielt. 300 Arbeiten sind zu sehen, die zeigen, dass klassische Italienklischees in der zeitgenössischen Kunst kaum mehr eine Rolle spielen. Unter den präsentierten Serien befinden sich auch Vintage-Prints und selten gezeigte Originalabzüge aus den frühen 1980er-Jahren, darunter Werke von Guido Guidi (* 1941), Gabriele Basilico (1944–2013), Luigi Ghirri (1943–1992) und Marina Ballo Charmet (* 1952).

 

Die Sammlung Klein in Eberdingen-Nussdorf prä­sentiert derzeit die Schau „Den (Augen)blick sehen!“: Auch diese zeigt (unter anderem) Fotografie und kreist um ein bedeut­sames Thema, nämlich um die Vielschichtigkeit des Blicks, seine wechselseitige Wirkung und seine Funktion als ­Kommunikationsmittel. Künstler der Ausstellung sind unter anderem Gregory Crewdson, Xenia Hausner, Gottfried ­Helnwein, Alex Katz, Tracey Moffatt, Shirin Neshat, ­Michelangelo Pistoletto und Arnulf Rainer.

 

Jetzt aber nach Stuttgart, wo in der Staatsgalerie mit THE GÄLLERY – Raum für Fotografie ein Ort geschaffen wurde, der sich in kurzer Zeit ­einen guten Ruf in der Fotoszene erarbeiten konnte. Hier sind nun Werke zu sehen, die im Rahmen der „Dokumentarfotografie Förderpreise 15“ der Wüstenrot Stiftung entstanden sind (bis 7. Juni 2026). Der Förderpreis wird bereits seit 1994 von der Wüstenrot Stiftung in Zusammenarbeit mit der ­Fotografischen Sammlung des Museums Folkwang an vier künstlerische Positionen vergeben. Nach der Station in ­Stuttgart geht es im Sommer weiter ins Museum für Photographie Braunschweig.

 

Der Fotosommer Stuttgart 2026 wirft auch schon seine Schatten voraus. Das Thema diesmal ist „Unordnung“. Die besten Arbeiten des Wettbewerbs sind in THE GÄLLERY ausgestellt (18. Juli bis 13. September 2026). Und dieses Sujet ist wirklich bedeutsam, denn Ordnung versus Unordnung, darum geht es ja oftmals im Leben. Eine ganze Reihe assoziierter Stuttgarter Galerien und Kunsträume zeigen in diesem Sommer Fotokunst.

 

Wir verlassen nun die Landesgrenze und fahren in die Schweiz. „Fast ein Paradies – Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst“ zeigt derzeit das Museum Riedberg Zürich (bis 6. September 2026). Die hier vertretenen Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit historischem Bildmaterial, erschaffen aus alten Fotografien neue visuelle Imaginationsräume. Vier Ausstellungskapitel umfasst die Schau, die sich mit dem „kolonialen Blick“ befasst, mit jenem Blick also, der die abgebildeten Personen nicht als individuelle Subjekte ­dargestellt hat, sondern als fremde, „exotische“ Objekte.

 

 

Wendy Red Star, „Spring – Four Seasons“, 2006, Courtesy: the artist, collection of the Newark Museum of Art, © Wendy Red Star

 

Der koloniale Blick zeigt sich darin, dass Menschen inszeniert, typisiert oder in scheinbar wissenschaftlichen Posen fotografiert wurden, um Unterschiede zwischen europä­ischen und außereuropäischen Kulturen hervorzuheben. Solche Bilder dienten dazu, koloniale Hierarchien zu legitimieren. In der postkolonialen Theorie wird deshalb zu Recht betont, dass Fotografien nie völlig neutral sind, sondern immer von gesellschaftlichen Machtstrukturen geprägt werden. Ein wichtiger theoretischer Bezugspunkt ist dabei das Konzept des „Orientalismus“, das von Edward Said entwickelt wurde und zeigt, wie der Westen andere Kulturen über Bilder und Texte als „anders“ konstruiert hat. Die Gruppenausstellung im Museum Riedberg versammelt „Gegenstimmen zum kolonialen Blick, als Schutzinstanzen oder als erzählerische Kräfte, die verborgenen Geschichten Raum geben“. Und sie stellt die wirklich reizvolle Frage: Können wir ein Stück ­Paradies zurückgewinnen, wenn Geschichte vielstimmig ­erzählt wird?

 

 

 

 

You’ll Never Watch Alone

 

Short cuts Foto Frühling

 

Der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus in Berlin präsentiert wie jedes Jahr den internationalen Wettbewerb „UNICEF Foto des Jahres“ (bis 16. April 2026). Wir sehen Bilder und ­Reportagen professioneller Fotojournalisten, die die Lebensumstände von Kindern dokumentieren. Das Siegerbild in diesem Jahr stammt von der französischen Fotojournalistin Elise Blanchard und zeigt die zehnjährige Hajira aus der afghanischen Provinz Nangarhar – beim Lernen in ihrem Zuhause, einem abgelegenen Dorf östlich von Kabul. Seit mehr als vier Jahren bleibt afghanischen Mädchen der Zugang zur weiterführenden Schulbildung verwehrt.

 

 

UNICEF Foto des Jahres 2025, Foto: © Tdh/Elise Blanchard

Ausstellung „UNICEF Foto des Jahres“ vom 29. Mai 2026
bis 1. Mai 2027 in der Ev. Peter-Pauls-Kirche, Zingst

 

 

Das Umweltfotofestival „horizonte zingst“ hat seit Jahren ­einen hervorragenden Ruf. Es ist inzwischen das 19. Festival, das in diesem Jahr vom 29. Mai bis zum 7. Juni stattfindet. Die Atmosphäre ist etwas ganz Besonderes hier an der Ostsee. Auf dem Programm stehen wie jedes Jahr ­große Ausstellungen im ganzen Ort, in den Galerien und am ­Ostseestrand. Foto-Workshops, Vernissagen, Fotomarkt, ­Multivisionsshows, Fotografen-Gespräche, Panels und ­Ausstellungsführungen gibt es auch. Ein richtiges Festival eben, das jeden Abend am Strand bei der „Bilderflut“ ­ausklingt. Das Thema in diesem Jahr ist elementar: „Der Mensch“. Und die Fragen, welche die Ausstellungen stellen, sind es auch: Wie wollen wir miteinander leben? Und wie ­gestalten wir unsere Umwelt?

 

Die 9. Triennale der Photographie Hamburg ist ­wieder am Start – unter dem Titel „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“. Vom 4. bis 14. Juni 2026, wird auch die freie Hamburger Foto- und Kunstszene ins helle Licht gerückt.

 

Sara Sallam setzt sich in der Ausstellung „Sara Sallam – Fürsorge. Fotografie neu ordnen“ mit der archäologischen und fotografischen Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg auseinander (bis 10. Oktober 2026). Im Kunstverein werden aktuelle Arbeiten von Nina Porter ­gezeigt, die sich den unendlichen Möglichkeiten des fotografischen Mediums selbst widmen und die Dynamik zwischen Kamera, Bild und Motiv hinterfragen (bis 9. August 2026). Die Ausstellung „Inner Mornings, or Forms of Counter­culture“ in der Sammlung Falckenberg zeigt schließlich, wie künstlerische Ansätze gesellschaftliche Machtstrukturen hinterfragen (bis 13. September 2026).

Im Bucerius Kunst Forum Hamburg huldigt man in diesem Sommer im Rahmen der Triennale einer zentralen Figur der Fotoszene, nämlich F.C. Gundlach. „F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone“ heißt die Schau, die hier zu sehen ist (bis 16. August 2026). F.C. Gundlach, das ist heute unstrittig, war einer der wichtigsten Modefotografen der Welt. Seine ­Fotografien atmen den Geist einer Zeit, als Mode noch ein Versprechen war. Über 200 Exponate zeigt die Schau, da­runter auch Werke von Erwin Blumenfeld, Richard Avedon, Regina Relang, Cindy Sherman und vielen anderen im Dialog mit Gundlachs eigenen Arbeiten. Die Ausstellung ist die erste große Präsentation nach seinem Tod 2021.

 

 

F.C. Gundlach, Uschi Obermaier mit Sinalco-Puppe Rita, Hamburg, 1970, © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

 

 

Und weiter geht unsere fotografische Frühlingsreise. Georg Petermichls Werk ist unter dem Titel „Universal thoughts: Kleinstes gemeinsames Vielfaches“ im Francisco Carolinum Linz zu sehen (bis 12. Juli 2026). Der Künstler ­begreift Fotografie als soziales Instrument. Fragen, die ihn beschäftigen, sind: Wie entstehen kollektive Rituale? Wann tritt aus der Masse das Individuum hervor? Petermichl schafft einen Ausstellungsparcours zwischen Fotografie, Film, ­Objekt und Installation.

 

Im Berliner Gropius Bau vereint die Ausstellung ­„Persistence of Vision“ die Arbeiten von Peter Hujar und Liz Deschenes (bis 28. Juni 2026). Hujars Schwarz-Weiß-­Fotografien sind in den 1970er- und 1980er-Jahren in New York entstanden. Er zeigt neben Natur und Tierbildern auch Architektur und vor allem die queeren und Avantgarde-Communitys in Lower Manhattan. Diese Bilder werden in der Schau mit Werken der in New York City lebenden Künstlerin Liz Deschenes verwoben: Skulpturen und ungegenständliche fotografische Arbeiten. Hujars Footgrafien sind derzeit auch in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen (bis 23. August 2026).

 

 

Frauenhaus Duisburg, 1981,
Foto: © Brigitte Kraemer / Fotoarchiv Ruhr Museum

 

 

Und schließlich, gar nicht weit von Bonn, im Ruhr ­Museum Essen, endet unsere Reise durch den Fotofrühling mit einer echten Wiederentdeckung. „Wie man lebt – wo man lebt. Dokumentarfotografien von Brigitte Kraemer“ heißt die Schau (bis 31. August 2026). Brigitte Kraemer dokumentierte seit Anfang der 1980er-Jahre den Alltag sowie die Freizeit im Ruhrgebiet. Das Museum konnte im Jahr 2022 mithilfe der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ihr Gesamtwerk ankaufen und besitzt rund 360.000 Negative und Abzüge in Schwarz-Weiß und Farbe. Diese Ausstellung ­markiert den letzten Teil einer Reihe zu Fotografinnen, die im Ruhrgebiet gearbeitet haben und arbeiten.

 

Der Fotofrühling 2026, er steckt voller Überraschungen, kommen Sie mit auf eine Reise zum Wesen der Dinge!